Die Zeit, seitdem Musik aufgenommen und abgespielt werden kann und Menschen sich dachten „Boah, jetzt ma Mucke hör’n“, war von einer schwarze Scheibe, erst aus Schellack und dann aus PVC, auf einem Drehteller geprägt.
Eine Nadel wurde auf die erwähnte Scheibe abgesenkt, die mit, mehr oder minder sanftem, mechanischem Abtasten (oder auch Spanen, je nachdem) Bewegungen in Klang umsetzte.
Mit dem Aufkommen und der Verbreitung der Kassette und ab den 80ern dann auch der CD wurden die Abspielmöglichkeiten nicht nur breiter und mobiler, sondern die Schallplatte verlor auch nach und nach an Bedeutung. Manch einer hat sie für obsolet, ja sogar tot gehalten. Aus heutiger Sicht ist das natürlich historischer Quark. Immerhin ist der Absatz in den 20 Jahren von 2004 bis 2024 von ca. 500.000 Einheiten pro Jahr auf etwa 4,9 Millionen gestiegen. Allein im Jahr 2024 steigerte sich der Anteil von Schallplatten bei physischen Tonträgern im Vergleich zu 2023 um 9,4% und hatte einen Gesamtmarktanteil von 40,5%, was einem Umsatz von ca. 153 Millionen Euro entspricht. Natürlich spielt Streaming mittlerweile die mit weitem Abstand größte Rolle in der Musikkonsumwelt, aber die gute alte Schallplatte ist trotzdem so lebendig wie nie. Und da ich diesem Hobby auch seit Jahren fröne und eigentlich auch zu viel meines Geldes hinwerfen, wie damals Vercingetorix seine Waffen auf Cäsars Füße (ich empfehle hier „Asterix der Gallier“ zu lesen), hab ich mir mal Gedanken dazu gemacht, wieso ich das eigentlich tue, denn technisch ist das heutzutage eigentlich gar nicht mehr so überzeugend.
Generell gibt es schon seit ein einiger Zeit einen Trend wieder analoge Medien bzw. auch Technik „von früher“ zu nutzen. Das ist nicht nur an den steigenden Verkaufszahlen von Schallplatten zu sehen. Polaroidkameras werden seit Jahren immer beliebter, der C64, DIE Ikone der 80er Jahre Computer, wird wieder, mit ein paar technischen Upgrades, produziert, es gibt auch eine neue Konsole mit der die alten Nintendo 64 Steckmodule genutzt werden können und auch die Musikkassette scheint ein Revival zu haben. Analog ist wieder da.
Aber zurück zur Schallplatte. Der Trend zum Analogen bringt es nicht nur mit sich, dass ein eher unhandliches Format wieder starken Zulauf bekommt, es lässt auch eine ganz besondere Gattung „Fan“ die Bühne betreten: Den elitären Besserwisser.
Menschen, die meinen, dass das Analoge dem Digitalen immer überlegen ist und, zum Teil, behaupten, dass hören zu können. Objektiv gesehen, ist das Mumpitz.
Dazu mal zwei kurze Zahlenbeispiele:
Beispielsweise hat die CD einen Frequenzgang bis 44,1 kHz, während das menschliche Gehör nur bis maximal etwa 20 kHz reicht. Vinyls decken etwa auch den zweiten Bereich ab. Auch hat die Schallplatte einen dynamischen Bereich, also den Abstand zwischen den leisesten und lautesten Tönen, von etwa 60 – 80 dB, während das digitale Medium CD einen 96 dB weiten Bereich besitzt.
Wenn es aber klar ist, dass, objektiv, das Analoge dem Digitalen nicht grundlegend überlegen ist, woher kommt dann die Beliebtheit? Nun ja, muss etwas überhaupt immer überlegen sein, damit es beliebt ist? Ich denke nein, ganz und gar nicht. Spaß und an und mit Dingen bzw. Hobbies ist nicht zwingend an Objektivität gegenüber der Sache gebunden.
Ja, die Platte ist nicht besser als digitale Medien (zumal die Musik auf der Platte in aller Regel eh komplett digital produziert ist, aber das nur am Rande) und schon gar nicht der Goldstandard. Sie ist durch ihre Empfindlichkeit (Stichwort: Kratzer) unpraktisch und das Abspielen ist, im Vergleich zu den erwähnten anderen Medien, umständlich.
Aber grade in diesen „Nachteilen“ liegt, zusammen mit einer sicherlich (auch mal) guten Portion Nostalgie, ein guter Teil des ungemeinen Charmes dieses Formats.
Das Abspielen ist fast schon ein Ritual. Die Scheibe vorsichtig aus der Hülle holen, auf den Plattenteller legen, erst die Nadel und dann das Vinyl mit einer (jeweils anderen) Kohlefaserbürste reinigen, nur um jetzt erst den Tonarm mit Nadel auf die Platte zu setzen und endlich die Musik hören können auf die man seit 10 Minuten Bock hat. Während sich dann auf dem Plattenspieler eine Plastikscheibe sichtbar dreht, kann die Aufmerksamkeit der Hülle mit den groß in Szene gesetzten Covern gewidmet werden. Die sind nicht nur allein größer um der Größe Willen, sondern bringen die dahinterstehende Kunst so auch deutlich besser zur Geltung als eine CD oder das Daumenkino einer Streamingapp auf einem Smartphone. Je nach Pressung ist die Platte selbst noch ein einzigartiges Kunstwerk, das mal einfarbig oder transparent oder (gesprenkelt) mehrfarbig oder gleich alles auf einmal sein kann.
Wir haben hier also ein Format, das irgendwie altbacken ist, aber dafür Charme hat. Es ist nicht besser als andere, dann jedoch auch wieder was besonderes. Es ist aufwendig, was aber auch wiederum entschleunigen kann. Wie man es dreht und wendet, es mal objektiv und mal subjektiv diskutiert, am Ende läuft es, ganz stumpf eigentlich, wieder mal darauf hinaus, dass es Spaß macht und einen in seinen Bann ziehen kann. Vielleicht mag es auch als Gegenpol zur der alle Lebensbereiche durchdringenden Digitalisierung wirken, wer weiß. Die Wahrheit wird letztendlich irgendwo in der Mitte all dieser Punkte liegen und das offenbar für eine große Menge Menschen.
Nachdem ich nun also für den letzten Satz 5€ ins Phrasenschwein geworfen hab, leg ich mir erst mal eine Platte auf…eine bunte.
/Barry